Beitragsbild zu Geschichten, Narration und Storytelling. Auf einem Tisch liegt ein aufgeschlagenes Buch. Darauf zu sehen ist links stehend ein Hund und rechts eine Figur mit einem roten Regenschirm. Über beiden fliegen Vögel und ein Heißluftballon. Neben dem Buch steht links eine Tasse und rechts liegt ein Füller.

Erzähl mir nix?! Geschichten, Narration und Storytelling in der Bildung

“Was die Geschichte erzählt, ist in der Tat nur der lange, schwere und verworrene Traum der Menschheit.” (Arthur Schopenhauer, 1819)
Um die Komplexität der Welt und Gleichzeitigkeit des Erlebten zu verstehen, organisieren wir Menschen unsere Erinnerungen, Wünsche, Bestrebungen und Ereignisse auf eine narrative Art und Weise. Die Antwort auf die Frage nach der eigenen Identität ist immer eine Erzählung. Geschichten, Narrationen und Storytelling waren seit jeher ein Bestandteil von Bildungsprozessen. Durch die Digitalisierung verändern sich auch die Spielarten und der Einfluss narrativer Inszenierungen.

In unserem Beitrag “Digitales Storytelling in der Bildung” haben wir uns bereits mit der Kulturtechnik des Geschichtenerzählens und ihrer Relevanz für Bildungsprozesse beschäftigt. In unseren kommenden Ausführungen legen wir den Schwerpunkt neben dem klassischen Storytelling verstärkt auf den Einfluss medialer Narrationen und Inszenierungen. Euch erwartet also nicht nur der Blick auf “reines” Storytelling, sondern unser Fokus ist breiter gefasst. So befassen wir uns mit Influencer:innen und ihren Stories, Verschwörungserzählungen und dem pädagogischen Umgang mit diesem Phänomen sowie dem klassischen Storytelling in der pädagogischen Praxis. 

Einsteigen möchten wir in diesem Artikel mit einer grundsätzlichen Einordnung der Begriffe Storytelling und (medialer) Narration. Zudem geben wir einen Einblick, warum uns Geschichten faszinieren und wie wir sie uns im Bildungsbereich zunutze machen können.

Storytelling - Die Kunst des Geschichtenerzählens

Es gibt verschiedene Definitionen und Abgrenzungen des Begriffs Storytelling. Grundsätzlich ist Storytelling zunächst eine Erzählmethode, die komplexes Wissen und Inhalte in Form einer Geschichte mit rhetorischen Stilmitteln wie Leitmotiven, Identifikationsfiguren, Metaphern oder Symbolen transportiert. Häufig finden wir Storytellingmethoden im Bereich des Unternehmensmarketing. Diese werden gezielt eingesetzt, um Rezipient:innen an eine Marke zu binden und den Produkten sinnstiftende Eigenschaften einzuschreiben. Klassisches Storytelling hat zumeist eine konkrete Dramaturgie wie wir sie bei der Heldenreise finden, die wir in unserem Artikel “Digitales Storytelling in der Bildung” näher beschreiben. Wir möchten jedoch unseren Blick weiten und ebenso andere, oft subtilere Formen der Informationsweitergabe in den Blick nehmen, wie zum Beispiel Memes, Snippets, Bilder, narrative Strukturen in Social Media – aber beginnen wir von vorn.

Die Technik, Wissen durch Geschichten weiterzugeben, ist tief in der Kulturgeschichte des Menschen verankert. In seinem Roman Waterland (1983) beschreibt der britische Historiker und Autor Graham Swift den Menschen als das „Geschichten erzählende Tier“. Bereits in den Abbildungen und Bildsequenzen, die sich in Höhlenmalereien finden lassen, werden Ereignisse und Wissen in Form von Geschichten festgehalten. Orale Kulturen griffen (und greifen) auf rhetorische und mnemonische (griechisch mnēmonikós = ein gutes Gedächtnis habend) Techniken zurück, um Ereignisse und Wissen auf eine Art und Weise zu vermitteln, die sich tief in das Gedächtnis der Zuhörerschaft einprägt, mit dem Ziel, anschließend möglichst detailgenau weitergegeben zu werden. Nicht zuletzt könnte davon das Überleben abhängen. Mündlich übermittelte Geschichten sind zum Beispiel Sagen, Mythen oder Legenden, die sich von Generation zu Generation weitertragen. Der Modus der Überlieferung ist somit die Tradierung von Wissen und bildet das kulturelle Erbe von Gesellschaften. Erzählungen – seien sie fiktional oder real – sind in der Lage, bei uns Menschen emotionale und physische Empfindungen auszulösen. Unabhängig davon, ob selbst erlebt oder nur rezipiert, prägen sich durch die dabei erzeugten Gefühlsregungen wie Erregung, Schwitzen, Freude, Angst oder Spannung diese Momente in unser Gedächtnis ein. Diese Tatsache macht (gute) Geschichten zu einem kraftvollen Werkzeug. Dies können wir uns in der Bildung zunutze machen, dennoch birgt es auch Gefahren. Wirkmächtige Narrative haben heute vor allem durch mediale Verbreitungsmöglichkeiten aufgrund globaler, digitaler Vernetzung immenses Potential auf die Menschen meinungsbildend einzuwirken. Dies kann selbstredend auch ausgenutzt werden. Doch dazu später mehr.

Was ist unter einem Narrativ zu verstehen?

Ursprünglich hatte der Begriff „Narrativ“ eine rein beschreibende und neutrale Bedeutung. Er stammt von dem lateinischen Wort „narrare“ (zu deutsch „erzählen“) ab und bezeichnet eine von den Menschen konstruierte, sinnstiftende Erzählung, die einen Zusammenhang zwischen Ereignissen und Sachverhalten herstellt. Eine Erzählung bringt also Ordnung in die Komplexität der Welt in der ganz viele Dinge zeitgleich, zum Teil chaotisch und unüberschaubar geschehen. Da wir Menschen nicht alle Parallelitäten zugleich erfassen und verstehen können, bringen wir sie mit Hilfe einer episodischen Ereigniskette, subjektiv wichtigen Eckpunkten und Deutungen, unseren jeweiligen kulturellen Normen und Werten in einen für uns verständlichen Ablauf. Die Erkenntnis, dass bestimmte Sachverhalte auf der Welt möglicherweise ohne Logik, Bedeutung oder Konsequenz sein könnten, stellt oft eine Überforderung dar. Durch die Einflechtung in eine Erzählung werden sie jedoch emotional nachvollziehbar mit Bedeutung versehen. Narrative sind dabei eng an die jeweilige Sozialisation geknüpft.

In den Sozialwissenschaften sind Narrative kollektive Erzählungen, die innerhalb von Nationalstaaten oder Kulturarealen gemeinschaftlich als „wahr“ gelten. Solche kollektiven Erzählungen werden als Großnarrative (auch Metanarrative, quasi Geschichten über Geschichte) bezeichnet und sind zum Beispiel Vorstellungen über Fortschritt, Mythologie oder Religion. Als der französische Philosoph Jean-François Lyotard in seiner Studie „Das Wissen der Postmoderne“ (1979) das grand narrative für tot erklärte, stellte er jedoch den Wahrheitsgehalt großer Gesellschaftserzählungen grundlegend in Frage. Er sah die Moderne als entscheidenden Wendepunkt und unterscheidet in seinem bahnbrechenden Werk zwischen narrativem und wissenschaftlichem Wissen – unterstellt jedoch beiden, dass sie ihre Legitimation nur durch narrative Einbettung erhalten. Stark vereinfacht gesagt, behauptet Lyotard, dass jede Erzählung, ob nun wissenschaftlich fundiert oder nicht, erst von den Menschen geglaubt wird, wenn sie in eine logische, kollektiv anerkannte Geschichte eingebettet ist. Lyotard und andere postmoderne Denker:innen sehen diese Entwicklung, also die grundsätzliche Skepsis gegenüber großen Theorien und Wahrheiten, als positiv an, da sie die Vielfalt, Komplexität und Heterogenität der Welt nicht länger ignoriert. Folgt man dieser Denkstruktur gibt es nicht die eine Wahrheit, sondern viele verschiedene lokale und zeitlich begrenzte Wahrheiten nebeneinander.

Es ließe sich nun ganz prächtig darüber streiten, ob diese Wahrheit der Poststrukturalist:innen über die Unwahrheit großer Narrative wahr ist, aber das ist ein anderes Thema. Wir möchten hier lediglich einen (wenn auch sehr verkürzten) Abriss über den Begriff des Narrativs skizzieren. Demnach: Mitte der 1990ger Jahre in gab es schließlich den sogenannten „narrative turn“ in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Dies bezeichnet die Einsicht, dass die Identität einer Person oder Gruppe nicht gesetzt ist, sondern in der Interaktion mit der Welt und anderen Menschen konstruiert wird. Identität ist die Geschichte, die wir über uns selbst erzählen, aber auch das, was andere über uns sagen. Diese Selbsterzählung kann sogar so weit gehen, dass sie zur Selbsterfüllenden Prophezeiung wird. Wenn wir zum Beispiel nur oft genug hören, dass wir ja eher introvertiert und technisch unbegabt sind, kann dies so weit gehen, dass wir das selbst glauben und uns schließlich auch dementsprechend verhalten.

Narrativ als Kampfbegriff

Heutzutage ist das Narrativ in den Feuilletons zu einem Modewort und in bestimmten politischen Kreisen gar zu einem Kampfwort geworden. Die omnipräsente Verwendung des Begriffs lässt ihn im harmlosen Fall zu einer bloßen Worthülse werden. Er kann jedoch auch gezielt eingesetzt werden, um Sachverhalte, Meinungen oder Missstände abzuwerten oder zu bagatellisieren. Politische Einstellungen oder andere Überzeugungen mit dem Begriff Narrativ zu bezeichnen, hat oft zum Ziel, sie in ihren Grundfesten infrage zu stellen. So lässt zum Beispiel der Ausdruck „Das Narrativ vom Klimawandel“ diesen zu reiner Fiktion, Willkür und subjektiver Einbildung verkommen. 

Dennoch scheint gerade mit Blick auf die Anhängerschaft von Verschwörungsmythen die Sehnsucht der Menschen nach großen Erzählungen, die der Welt und den Geschehnissen einen Sinn geben, enorm zu sein. In unserem Beitrag „Narrative for bad – Verschwörungserzählungen und mediale Inszenierung“ werfen wir einen vertiefenden Blick auf dieses Phänomen. In “8 Empfehlungen im Umgang mit  Verschwörungserzählungenen” findet ihr zudem Handlungsstrategien im Umgang mit Verschwörungsgläubigen.

Es bleibt festzuhalten, dass es keine eindeutige Definition des Begriffs Narrativ gibt. Dennoch möchten wir konstatieren, dass ein Narrativ weit mehr ist als eine Geschichte im grundsätzlichen Sinn. Was die Begriffe eint ist, dass beide – eine Story und ein Narrativ – eine Basisstruktur haben: Einen bestimmten Anfang, eine Mitte, in der eine Veränderung/ein Wandel stattfindet und ein Ende. Erst wenn eine Geschichte jedoch gesellschaftliche Diskurse und Denkmuster nachhaltig bestimmt sowie sich über größere Zeiträume erstreckt, kann man sie als Narrativ bezeichnen.

Was macht Storytelling für Bildungsprozesse attraktiv?

Wie eingangs erwähnt, wecken Geschichten Emotionen. Mit den vermeintlich „echten“ Personen, die als Protagonist:innen in den Erzählungen auftauchen, ihren Gefühlen, Ängsten und Wünschen können wir uns identifizieren, mit ihnen leiden, uns mit ihnen freuen oder durch sie Dinge erleben, die uns sonst verborgen bleiben.

Werden Sachverhalte oder Geschehnisse in Geschichten verpackt, erscheinen sie weniger abstrakt und können lebensweltnah vermittelt werden. Dies kann heutzutage sehr individuell auch auf den Plattformen geschehen, auf denen die Menschen unterwegs sind. Jugendliche können beispielsweise direkt in ihren Alltagsmedien wie auf Social Media oder in Computerspielen adressiert werden. Haben die Geschichten einen roten Faden, eine:n Held:in oder andere Identifikationsfiguren prägen sich Details und Zusammenhänge besser ein. Werden eher „trockene“ Themen wie Auswertungen empirischer Befragungen in eine emotionale Geschichte verpackt, können sie sich in fesselnde Abenteuer verwandeln.

Durch das imaginierte Miterleben der Geschichten anderer, können wir als Bildner:innen Lernenden Perspektivübernahmen ermöglichen, die ein Ausgangspunkt kritischer Bildungsprozesse sein können. Mithilfe der digitalen Medien kann potenziell jeder Mensch, der über die nötige Infrastruktur verfügt, Produzent:in und Sender werden. Auf Social Media-Plattformen wie Instagram oder TikTok kann somit jede:r durch aktives und selbstgesteuertes Stoytelling Selbstermächtigung und Partizipation erfahren. Eingeflochten in zeitgemäße Bildungskonzepte und Methoden bietet Stoytelling somit ein nicht unerhebliches medienpädagogisches Potenzial. Gerade die Übertragung von Herausforderungen wie zum Beispiel die des Klimawandels in ein narratives Schema, stellt ein interessantes Feld zeitgemäßer Bildungsarbeit dar. Die Narrative von Fridays for Future beispielsweise erschließen mitunter ganz prägnant und eindeutig in nur einem Plakat.

Fyrtaarn, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons

Erzählungen bieten also in vielerlei Hinsicht Chancen, wichtige Ereignisse und schicksalhafte Erlebnisse in ihrer Intensität wachzurufen, sie im Gedächtnis zu behalten und mit Sinn zu versehen. In der historischen Bildung kann die Vergangenheit als mediales Narrativ inszeniert werden – eine Chance für die Erinnerungskultur wenn letzte Zeitzeug:innen verstorben sind. Auch tiefgreifende Umwälzungen wie die Corona-Pandemie können, eingeflochten in eine sinnstiftende Geschichte, als Coping-Strategie dienen und mit einem positiven Post-Pandemieentwurf Traumata und Belastung entgegenwirken. Doch wie so oft gibt es auch hier zwei Seiten derselben Medaille.

In unserem Beitrag “Die Faszination für Influencer:innen und ihre Geschichten” beleuchten wir – neben dem Phänomen des Influencings an sich und den Chancen, die partizipative, digitale Plattformen offerieren – auch die Gefahr, wie durch narrative Selbstkonstruktion auf Social Media die Grenzen zwischen Realität und Storytelling verschwimmen können. In einer Welt der permanenten Öffentlichkeit wird der Alltag zur Inszenierung, werden Idole vieler Jugendlicher zu falschen Vorbildern. 

Natürlich gibt es auch hier nicht nur schwarz oder weiß und wie jedes Werkzeug kann auch Storytelling für gute Ziele oder für bösartige Zwecke eingesetzt werden und ganz viel dazwischen. Wir wissen alle, dass man einen Hammer nutzen kann, um einen Nagel in die Wand zu schlagen, aber damit auch eine Person töten könnte. Wir haben es also buchstäblich in der Hand. Es ist eine Tatsache, dass durch gute Geschichten Wissen auf faszinierende und kreative Weise weitergegeben werden kann. Digitale Medien machen diese Geschichten einer breiten Masse zugänglich und ermöglichen Austausch. Durch digitale Tools können die Stories abwechslungsreich und spannend aufbereitet werden. In unserem Beitrag “6 Beispiele für digitales Storytelling” stellen wir euch einige Storytellingprojekte vor, die unserer Meinung nach in vielerlei Hinsicht sehr gelungen sind und einen guten Einblick in verschiedene Formate liefern.

Weiterführende Artikel und interessante Beiträge

  • Der Artikel “Welchen Schaden richtet Storytelling an?” des Deutschlandfunks beleuchtet die Grenzen des Storytellings in Journalismus, Wissenschaft und Literatur.
  • Wie können zeitgemäße Geschichtsvermittlung und Erinnerungskultur aussehen? Der Text “Vernetztes Erinnern” der Bundeszentrale für politische Bildung gibt Auskunft. 
  • Im Webtalk, dem eduTalk der werkstatt.bpb.de, mit der Journalistikprofessorin Marlis Prinzing erfahrt ihr, wie qualitativ hochwertiges Storytelling in der Bildung aussehen kann.
Quellen

Bild von 0fjd125gk87 auf Pixabay.