

„Perfekt“ klingt nach Glanz, Kontrolle und Erfolg. Nach etwas, das erreicht und dann endlich abgehakt werden kann. Interessanterweise bedeutete das Wort ursprünglich genau das: perfectus, das Fertiggemachte, Abgeschlossene. Keine Nachbesserung mehr möglich.
Doch was passiert, wenn wir dieses Verständnis von Abschluss und Endgültigkeit auf kreative Prozesse übertragen, die vom Offenbleiben leben?
Perfektionismus ist kein individuelles Randphänomen mehr, sondern ein kulturelles Grundrauschen. Die kanadischen Psychologen Paul Hewitt und Gordon Flett bezeichnen ihn sogar als „in der westlichen Welt endemisch“, also als etwas, das dauerhaft und flächendeckend in einer Gesellschaft auftritt. Perfektionismus ist damit weniger eine persönliche Macke als vielmehr ein Symptom unserer Zeit.
Doch was genau ist damit gemeint? Als Perfektionist:innen gelten Menschen, die extrem hohe Ansprüche an ihre eigenen Leistungen stellen, große Angst davor haben, Fehler zu machen, und ihren Selbstwert daran knüpfen, ob sie diese Maßstäbe erfüllen. Entscheidend ist dabei: Sie weigern sich hartnäckig, unter allen Umständen einen geringeren Anspruch zu akzeptieren als den vollkommenen, fehlerfreien. „Gut“ reicht nicht. Es muss perfekt sein oder gar nicht.
Perfektionismus prägt unseren Zeitgeist, liegt vielen unserer Wertvorstellungen zugrunde und dominiert unsere Köpfe. Leistung, Optimierung und Fehlervermeidung gelten als Tugenden. Und natürlich ist es sinnvoll, in bestimmten Bereichen Perfektion anzustreben: Der Mechaniker soll das Auto möglichst fehlerfrei reparieren, der Chirurg ohne Kunstfehler operieren. In solchen Kontexten kann Ungenauigkeit reale Schäden verursachen.
Problematisch wird es dort, wo Perfektionismus unreflektiert auf kreative, offene und lernorientierte Prozesse übertragen wird. Denn Perfektionismus ist nicht dasselbe wie das Streben nach bestmöglichen Ergebnissen.
Der entscheidende Unterschied liegt im Motiv. Wer nach bestmöglichen Ergebnissen strebt, tut dies aus Freude an Qualität, an Verbesserung, an der Sache selbst. Perfektionist:innen hingegen geht es weniger um Vollkommenheit als um Unangreifbarkeit. Perfektionismus ist ein Vermeidungsverhalten: Wer perfekt arbeitet, kann nicht kritisiert werden. Wer perfekt ist, kann nicht scheitern, nicht getadelt werden, nicht angreifbar sein.
Diese Haltung hat wenig mit Begeisterung zu tun und viel mit Angst.
In unseren Gesprächen mit Lerngestalter:innen zeigte sich dieses Spannungsfeld besonders deutlich. Perfektionismus wurde von ihnen nicht als Motivationsquelle beschrieben, sondern als Motivationskiller. Viele schilderten Situationen, die vertraut klingen: Wir sitzen vor einer klar umrissenen Aufgabe, eigentlich motiviert, eigentlich interessiert und trotzdem geht nichts mehr. Der Kopf ist zu voll und kein klarer Gedanke kommt mehr heraus.
Im Hinterkopf laufen dabei Erwartungen mit: Es soll vorzeigbar sein. Es soll erwachsen sein. Es soll fertig sein. Es soll richtig sein.
„Es muss jetzt vorzeigbar sein.“ Diese innere Forderung blockiert. Sie lässt keinen Raum für Skizzen, Umwege, unfertige Gedanken. Dabei ist gerade das Unfertige oft der Nährboden für Kreativität.
Übertragen von Perfektionismus, das „fertig Gemachte“, auf kreative Prozesse ist das schwierig: Wer Perfektion zu früh verlangt, erklärt einen Prozess für abgeschlossen, bevor er sich überhaupt entfalten konnte.
Auch die Forschung zeichnet ein ambivalentes Bild. Perfektionismus kann zwar in manchen Fällen leistungsfördernd wirken, er ruft jedoch ebenso leistungshemmende Verhaltensweisen hervor. Besonders kritisch wird es im kreativen Bereich.
Studien zeigen: Personen, die nach Perfektionismus streben, erzielen geringere Ergebnisse im divergenten und assoziativen Denken als Menschen, die nach Exzellenz streben (Excellencism). Genau diese Denkformen sind jedoch zentral für Kreativität. Zudem ist Perfektionismus negativ mit Offenheit für Erfahrungen verbunden, einem Persönlichkeitsmerkmal, das stark mit kreativem Denken korreliert.
Mit anderen Worten: Perfektionismus macht eng. Kreativität braucht Weite.
Perfektionismus lässt sich nicht einfach „abschalten“, aber er lässt sich umlernen. Ein paar konkrete Ansätze können helfen:
Kreativität entsteht selten im perfekten Zustand. Sie entsteht im Prozess, im Ausprobieren, im Unfertigen und im Loslassen. Vielleicht ist der produktivste Schritt also nicht, etwas besser zu machen, sondern es überhaupt erst anzufangen.
Wenn dich das Thema „Loslassen“ mehr interessiert, schau dir gerne unseren Blogbeitrag „Loslassen lernen“ auf der learning architects Seite an.