Das Beitragsbild "Spielarten des medialen Storytellings" zeigt eine Illustration in schwarz/weiß. Es ist links der Oberkörper einer Kinderfigur zu erkennen. Sie trägt einen Astronautenhelm, dessen Schlauch mit einem Buch, das rechts oben schwebt zu sehen ist. Der Hintergrund zeigt einen schwarzen Sternenhimmel. Die Figur befindet sich im Weltraum.

Spielarten des (modernen) Storytellings

Durch die Digitalisierung kann heutzutage potenziell jeder Mensch, der über die nötige Technik verfügt, (mediale) Erzählräume (mit)bestimmen, (mit)gestalten und (neu) interpretieren.

Der Blick in Soziale Netzwerke lässt uns zum Beispiel die Selbstinszenierung Jugendlicher sowie deren Auseinandersetzung mit der Umwelt und der eigenen Persönlichkeit miterleben. Das liefert spannende Einblicke in die Welt junger Menschen und zugleich neue Möglichkeiten für die pädagogische Bildungsarbeit. In diesem Beitrag beleuchten wir die verschiedenen Varianten des digitalen Storytellings und Strukturen narrativer Erzählformate. 

Dramaturgie von Erzählungen

Damit eine Geschichte auch gut funktioniert, spielen Aufbau und Struktur eine entscheidende Rolle. Wir möchten euch die gängigsten Modelle vorstellen. 

- Die Heldenreise

Sie ist die wohl bekannteste Struktur, die vielen Geschichten zugrunde liegt. Ihr Entdecker, der Mythenforscher Joseph Campbell, hat sie in seiner Analyse von Sagen, Märchen, Mythen und Religionen vor mehr als 70 Jahren als erzählerisches Grundmuster herausgearbeitet. Sie gilt als eine Art Urform und der:die Heldin durchläuft darin 12 Stufen: 

- Das 5-Akt-Schema

Das 5-Akt-Schema nach Gustav Freytag folgt einer pyramidenartig aufgebauten Formel in fünf Schritten. In seinem Buch “The Writer´s Journey”(1992) beschreibt Freytag in Anlehnung an die Heldenreise von Joseph Campbell eine Zusammenfassung des klassischen Dramas in stark schematisierter Form. Dabei erlebt die Hauptfigur während der Geschichte verschiedene Tests, Herausforderungen und Probleme. Die Formel dafür lautet: 

    • Exposition (Einführung und auslösendes Ereignis)
    • Erregendes Moment (erste Hindernisse)
    • Höhepunkt des Konfliktes (Wendepunkt der Geschichte)
    • Retardierendes Moment (das Drama strebt dem Ende zu)
    • Lösung oder Katastrophe
Grafik: Pyramidenförmige 5-Akt-Struktur

- Das 3-Akt-Schema

Der Aufbau einer Geschichte wird hier in drei Phasen unterteilt: Exposition, Konfrontation, Auflösung. Jeder neue Akt beginnt mit einem Wendepunkt (auch Plot Point/Plot Twist) an dem die Geschichte eine neue Richtung einschlägt. Es gibt auch innerhalb der einzelnen Akte kleinere Wendepunkte jedoch nur die zwischen den Akten sind von so großer Bedeutung, dass sie die Geschichte grundlegend wenden.

Narrative Stuktur interaktiver Geschichten

Klassischerweise verläuft eine Geschichte linear. Das heißt, die Handlung ist vorbestimmt und jede:r erlebt exakt die gleiche Story mit einem bestimmten Beginn, Verlauf und Ende. Bei interaktiven Erzählungen bestimmen die Entscheidungen der Leser:innen, wie es weitergeht. Damit ergeben sich unterschiedliche Muster. Wir möchten euch drei Grundmuster vorstellen, die in der Praxis jedoch auch variieren und miteinander kombiniert werden können.

- Die verzweigte Struktur

 Bei dieser Erzählstruktur, startet die Geschichte für alle Betrachter:innen mit dem gleichen Ereignis. Im weiteren Verlauf jedoch werden sie mit mehreren Entscheidungen konfrontiert. Je nachdem, welche Entscheidung getroffen wird, verzweigt sich die Geschichte in verschiedene Handlungsstränge mit unterschiedlichen Enden. Diese Art des Aufbaus kann schnell sehr komplex werden.

Grafik: verzweigte Struktur

- Die Fischgrätenstruktur

In dieser Struktur verläuft die Geschichte entlang eines klassischen, linearen Handlungsstrangs. Die Betrachter:innen können jedoch durch bestimmte Entscheidungen von dem Hauptstrang abweichen und kleine Nebengeschichten erleben, von denen aus sie im Verlauf wieder zur Hauptgeschichte zurückkehren.

Grafik: Fischgrätenstruktur

- Die Parallelstruktur

Der Aufbau einer Geschichte, die in einer parallelen Struktur erzählt wird, ähnelt der Fischgrätenstruktur. Auch hier folgt die Geschichte einem Hauptstrang, von dem der:die Betrachter:in immer wieder abweichen kann. An den wichtigen Etappen der Geschichte wird wieder auf den Hauptstrang geführt. Anders als in der Fischgrätenstruktur sind die abweichenden Geschichten wesentlich komplexer und es werden längere Untergeschichten erzählt.

Grafik: Parallelstruktur

Storytellingformate:

Interaktives Storytelling (auch digitales oder multimediales Storytelling)

Interaktives Storytelling bedeutet, dass die Leser:innen den Lauf, den eine Geschichte nimmt aktiv mitbestimmen. Das heißt also je nachdem, welche Entscheidung der:die Leserin trifft, ändert sich die Geschichte und es öffnet sich ein anderer Handlungsstrang. Viele kennen diese Erzählform bereits aus analogen Büchern, in denen man am zum Beispiel am Ende eines Kapitels entscheiden kann, wie die Geschichte weitergehen soll: „Rote Pille?“ | „Blaue Pille?“ Je nachdem, wie die Entscheidung ausfällt, geht die Geschichte auf einer anderen Seite im Buch weiter. In E-Books funktioniert das mittlerweile durch Hyperlinks, die den:die Leser:in an die richtige Stelle im Buch weiterleiten. In Filmen, Hörbüchern oder Computerspielen wird via Tastenkombination oder Sprachsteuerung ausgewählt, welchen Weg die Handlung nehmen soll. Eines der wohl bekanntesten Beispiele für interaktives Fernsehen ist die Black Mirror-Folge „Bandersnatch“.

Ausschlaggebend für diese Form des Storytellings ist also die Interaktionsmöglichkeit der Rezipient:innen. Da heutzutage meist Medien wie Videoclips, Audiodateien oder interaktive Karten genutzt werden, um Interaktion herbeizuführen, wird interaktives Storytelling auch als digitales oder multimediales Storytelling bezeichnet.

Scrollytelling

Der Begriff Scrollytelling ist ein Kofferwort aus den englischen Wörtern „to scroll“ (dt. blättern/scrollen) und Storytelling (Geschichtenerzählen). Scrollen meint das horizontale oder vertikale Verschieben von Inhalten auf einem digitalen Bildschirm. Dies kann zum Beispiel durch ein Scrollrad an der Maus, ein Touchpad und in manchen Einstellungen auch mit Hilfe von Pfeilen oder Knöpfen, die auf dem Bildschirm betätigt werden müssen. Die Verbindung der beiden Wörter zu „Scrollytelling“ meint also nichts anderes als eine Geschichte, die sich durch das Scrollen auf einer Webseite öffnet.

Transmediales Storytelling

…meint das Geschichtenerzählen über verschiedene Medien hinweg. Eine Geschichte beginnt zum Beispiel in einem Film und wird in einem Comic, auf einem Instagramkanal oder als Hörspiel fortgesetzt. Dieses medienübergreifende Erzählen bietet für die Medienpädagogik großes didaktisches Potenzial. Durch das Überschreiten von Mediengrenzen erhalten Lernenden einen Einblick in die verschiedenen Funktionsweisen und (Bild)Sprachen des jeweiligen Mediums.

Transmediales Storytelling schafft nicht nur eine Geschichte mit verschiedenen Handlungssträngen, sondern vielmehr einen komplexen Erzählkosmos, der meist seriell statt linear, zum Beispiel mit zeitlichen Sprüngen oder Backstories, verläuft. Dabei stehen alle Inhalte miteinander in Bezug, verweisen aufeinander und/oder zitieren sich gegenseitig.

Community Storytelling

Im Community Storytelling erzählen einzelne Menschen ihre realen Geschichten. Die Tatsache, dass jeder Mensch heute potenziell eigene Inhalte produzieren und veröffentlichen kann, macht es möglich, dass sich einzelne Personen zu einer kollektiven Netzgemeinschaft zusammenfinden, um dann gemeinsamen und mit einer umso kraftvolleren Stimme zu sprechen. Auf diese Weise können die Geschichten, Erlebnisse und Blickwinkel marginalisierter Gruppen erzählt werden, die sonst verborgen geblieben wären. Durch solche neuen Erzählformen können sich Gegen- oder Protestbewegungen formieren. Neben dieser großen emanzipatorischen Kraft kann es allerdings auch den Boden für Verschwörungserzählungen bereiten. In unserem Artikel „Narrative for bad – “ [LINK] widmen wir uns diesem Thema ausführlicher.

Kollaboratives Storytelling

Auch im kollaborativen Storytelling kommt eine Gruppe von Menschen zusammen, um gemeinsam eine Geschichte zu erzählen. Der Begriff umfasst alle Formate, in denen mehrere Personen an der Entstehung einer Geschichte beteiligt sind. Es gibt mittlerweile zahlreiche Tools und Plattformen, mit deren Hilfe sich solche Projekte umsetzen lassen, beispielsweise Blogs, Etherpads oder auch die Kommentarspalten auf Social Media. Im Beitrag „6 Beispiele für digitales Storytelling“ beschreiben wir das Twitter-Projekt #Burton Story des Autors und Filmregisseurs Tim Burton. Unter dem Hashtag #BurtonStory twitterten zahlreiche User:innen einzelne Sätze zur Fortführung einer Geschichte. Die Sätze wurden anschließend von Burton kuratiert und zu einer Geschichte zusammengefügt.

Data (driven) Storytelling

In dieser Form des Storytellings werden die Ergebnisse von Befragungen in eine spannende und ansprechende Geschichte eingebettet. Auf diese Weise können komplexe Zusammenhänge einem Publikum leicht verständlich zugänglich gemacht werden. Hierbei ist es wichtig, die Ergebnisse nicht einseitig herunterzubrechen oder sich zu sehr in emotionalen Botschaften zu verlieren. Dies birgt die Gefahr, dass die Leser:innen manipuliert werden.

Location based Storytelling

Es werden zwei Arten von location-based (ortsbezogener) Geschichten unterschieden. Zum einen wird eine fiktive Geschichte erzählt, die an real existierenden Orten stattfindet. Der:die Nutzer:in wird Teil der Geschichte, indem er:sie entweder virtuell oder aber tatsächlich die Schauplätze der Story aufsucht.

In der zweiten Variante wird der:die Nutzer:in zum Beispiel anhand eines Standort-Trackings lokalisiert, um dann Geschichten angezeigt zu bekommen, die sich an diesen Orten zugetragen haben. Umgesetzt wird diese Art des Storytellings zum Beispiel mit Hilfe von Smart Phones und Apps wie Action Bound, Google Docs oder mit Hilfe von Augmented Reality Technologien.

Virtual & Augmented Reality

Was ist da eigentlich der Unterschied? In der Virtual Reality (VR) tauchen die User:innen mit Hilfe von VR-Brillen (Headsets, Head-Mounted-Displays) in eine virtuelle 3D-Welt ein. In der Augmented Reality (AR, auch Mixed Reality) befinden sich die User:innen in der realen Welt, die durch Bilder, Sounds und Videos auf einem mobilen Endgerät erweitert wird. AR wird meist über die Kamera von Tablets oder Smartphones genutzt. Eines der wohl bekanntesten Beispiele, bei dem diese Technologie zum Einsatz kommt, ist das Smartphone-Spiel Pokémon Go. Überall begegnete man auf einmal Menschen, die in den Straßen und Parks auf der Jagd nach Wesen waren, die nur sie auf ihren Smartphones sahen. Nicht selten liefen sie vor Straßenbahnen oder gegen Laternenmasten. Das führte in einigen Fällen sogar zu tragischen Unfällen.

In der pädagogischen Praxis werden AR-Technologien zum Beispiel in der historisch-politischen Bildungs- und Erinnerungsarbeit eingesetzt. So holt die WDR History App „WDR AR 1933-1945“ die Geschichte ins Klassenzimmer. Dafür wurden weltweit Beiträge von Zeitzeug:innen digitalisiert, die sich nun als Hologramme durch Tablets oder Smartphones in den Raum projiziert lassen.

Wird eine Geschichte mit diesen Techniken kombiniert, verfügt dies im Bildungsbereich über ein großes Potenzial. Durch den Einsatz von VR oder AR werden Lernende in selbständiges Handeln, Erleben und Interaktion versetzt. Dadurch tauchen sie vollständig in das immersiv gestaltete Lernsetting ein, sodass die eigentlichen Lernprozesse vollkommen unbewusst ablaufen. Wissen wird nicht einfach vorgegeben, sondern eigenständig exploriert. Diese Art des Lernens heißt auch immersives Lernen.

Sonderformen narrativer Erzählformate

Abschließend möchten wir noch einen Blick auf bestimmte Sonderformen werfen, die sich vor allem auch aufgrund von Technologien entwickeln konnten, die vormals passive Konsument:innen zu Produzent:innen werden ließ. So gibt es heutzutage unzählige Gif´s, Memes, Tweets oder kurze Tänze auf TikTok, die komplexe Herausforderungen in kurzen Stories mit Snippet-Charakter verdichten. Diese erzählerischen Schnipsel können, zum Beispiel durch das Einbinden kultureller Codes, ein kollektives Narrativ anzapfen. Diese Form der Kommunikation geht allerdings weit über einfaches Storytelling hinaus, vermag sie doch ganze Ideologien zu transportieren. Nähere Erläuterungen zum Begriff Narrativ sowie Beispiele findet ihr in unserem Blogbeitrag „Erzähl mir nix…. [LINK). 

Eine weitere Sonderstellung nehmen in unseren Augen filmische (interaktive, partizipative) Planspiele und Serious Games ein. Diese werden oft als Methode in der politischen Bildungsarbeit mit Jugendlichen eingesetzt. Im Beitrag „Unsere 5 Beispiele für spannende Serious Games“ geben wir euch Einblick in eine Auswahl an empfehlenswerten Spielen zu unterschiedlichen Themen. 

Weiterführende Tipps & Hinweise

In unserem Beitrag „Digitales Storytelling in der Bildung“ erklären wir, was (digitales) Storytelling ausmacht und wie es in der Bildung eingesetzt werden kann.

Spannende Beispiele gelungener Storytelling-Projekte stellen wir in dem Artikel “6 Beispiele für digitales Storytelling” vor.

Ihr müsst nicht mit großen Storytelling-Projekten starten, um euch die Kraft des Geschichtenerzählens zunutze zu machen. Für die pädagogische Praxis eignet sich bereits die Anwendung kleinerer Storytelling-Elemente, die die Lebens-und Erfahrungswelt junger Menschen aufgreifen. So könnt ihr beispielsweise mit Fake-Chat-Generatoren für WhatsApp (Fakewhats), iMessage, Instagram, Facebook und Co kleine Chatgeschichten erstellen und in eure Praxisarbeit einbinden. Das gleiche gilt für sogenannte Texting Stories. Das sind Videos, die den Chatverlauf einer Konversation darstellen und in andere Medien/Plattformen eingebettet werden können.

In unserem Beitrag “Die Faszination für Influencer:innen und ihre Geschichten” beleuchten wir , wie durch narrative Selbstkonstruktion auf Social Media die Grenzen zwischen Realität und Storytelling verschwimmen können.

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